Marc Zuckerberg ist schuld und wir – (fast) alle – haben tatkräftig mitgeholfen

Seit Tagen überschlägt sich die Presse und manche Kommentatoren kommen aus dem Hyperventilieren gar nicht mehr heraus. Aber – ein nüchterner Blick auf die Affäre von Facebook, Michal Kosinski und Cambridge Analytica zeigt, dass wir eigentlich alles schon wissen müssten. Letztlich ist nichts neu an den Anschuldigungen, außer dass die Chefetage von Cambridge Analytica in einem ihrer Anfälle an erheblicher Selbstüberschätzung vor versteckter Kamera über politischen Rufmord mittels Erpressung und illegale Einreisemethoden geschwafelt haben. Das Trump und Brexit mit Cambridge Analytica in enger Verbindung standen ist seit mehr als einem Jahr weltweit bekannt. Cambridge Analytica CEO Alexander Nix hat auf vielen Kongressen damit geprahlt!

Zusammenfassung

  • Mark Zuckerberg war noch nie einer der Guten. Alles was im System „Soziale Netzwerke“ funktioniert hat wurde gnadenlos kopiert oder Facebook einverleibt.
  • Wir alle arbeiten mit unseren Posts, Klicks, Likes, Shares usw. täglich am Erfolg von Marc Zuckerberg kräftig mit.
  • Niemand weiß mehr über die Dynamik, die in einem Netzwerk mit mehr als 2 Mrd. User herrscht. Bescheid – nicht einmal Facebook selbst.

Der schlechte Hirte

Facebook hat noch nie zu den Guten gehört und hat bisher alles ausgereizt was irgendwie geht. Das wird sich nicht mehr ändern im größten Netzwerk der Welt mit mehr als zwei Milliarden Nutzern. Das hat dazu geführt, dass letztlich niemand mehr die Kontrolle über die Auswirkungen der größten Marketingmaschine der Welt hat, nicht einmal Facebook selbst. Der klassische Fall des Zauberlehrlings ist eingetreten. Leider ist kein Meister, der uns zu retten vermag, zu sehen.

So wie die Ideen von Steve Jobs dem Apple Gründer, die Welt der Consumer-Hardware bis in die hintersten Winkel der Welt verändert hat und das Smartphone heute die Welt der digitalen Devices beherrscht, so hat Mark Zuckerberg das Massenmarketing via Netzwerk ein für allem verändert. Er hat die Massenmedien teilentmachtet und unrentable gemacht und die Facebook Timeline zur gewinnbringensten Marketingmaschine entwickelt. Und das mit unserer aller tatkräftigen Unterstützung.

Auf Facebook posten meint vieles

Facebook hat bis jetzt von uns allen, die wir es benutzen, königlich gelebt. 4,4 Millionen Österreicher nutzen Soziale Netzwerke, 3,4 Millionen davon Facebook und zwar täglich. 2 Millionen nutzen Instagram in Österreich, 6 Millionen nutzen Whatsapp! Ungeniert hat Zuckerberg alles zusammengeklaut oder gekauft, was sich bei der Konkurrenz bewährt hat und damit Orte der Begegnung geschaffen, die weltweit mehr als zwei Milliarden Menschen nützen.

Jedes „Like“, jedes Bild, jede Post, jeder Beitrag und natürlich jede Anzeige hat den Wert von Facebook gesteigert. Wir haben alle fleißig mitgemacht, denn es war cool, bequem und unterhaltsam. Und wer nicht auf Facebook wollte, der kann auf Instagram oder WhatsApp, die beide zum Facebook Imperium gehören, mitmachen. Nur China, Russland und ein paar weitere autokratische Regime haben in ihrer undemokratischen Art und Weise mit eigenen Systemen dagegen gehalten.

Es gibt keine (kaum) Alternativen!

Preisfrage? Nennen Sie mir drei soziale Netzwerkalternativen, die nicht zu Facebook gehören und die für Sie in Frage kommen? Wenn Sie unter 30 sind, denn fallen Ihnen vielleicht drei, vier oder fünf Beispiele ein. Jodel (in Verbindung mit Kik als Messenger) ist bei Studenten derzeit recht beliebt ist, wenn es darum geht anonym zu bleiben. Es ist lokal ausgeprägt und die Menge der User hält sich in Wien zumindest in einigermaßen engen Grenzen. Path wurde als eine mögliche Alternative gehandelt und ist, wenn man eng mit einer überschaubaren Zahl von Freunden sein will, eine Möglichkeit, aber kaum in Europa. Twitter ist eine kleine Blase mit gerade einmal 140.000 Nutzern in Österreich. Ein Werkzeug für Journalisten, Wordraper und Aktualitätsjunkies. Diaspora ist vermutlich die einzige wirkliche Alternative zu Facebook, weil es sehr ähnlich funktioniert und ohne Werbung auskommt. Dieses Netzwerk funktioniert dezentral. Jetzt mal ehrlich, haben Sie davon schon gehört und kennen Sie jemanden der es benutzt? Auch ja und dann sind da noch Google+, LinkedIn und XING. Letztlich auch keine wirklichen Alternativen

Meine Einschätzung zu Cambridge Analytica

Ich glaube die Firma ist maßlos überschätzt und sie überschätzen sich auch noch selbst – aber das gehört zum Werbegeschäft. Was bedeuten 50 Millionen Userdaten? In einem US-amerikanischen Wahlsystem vermutlich einiges, aber damit können Sie noch keine Wähler umpolen. Und um Menschen zu manipulieren, brauchen Sie „gute“ Argumente, das war in der Werbung immer so. Detail am Rande: Dass Hillery Clinton ihren Wahlsieg versemmelt hat und Online Werbung, die das Team bestellt hatte, im Angesicht des erwarteten Sieges einfach abbestellt ist eine Tatsache . Sie hat also Online Werbung in großem Stil, vor allem auf YouTube im oberen Bereich der Startseite der Konkurrenz überlassen.. Vielleicht haben dann hier ein paar Botschaften von Cambridge Analytica wirklich gut gegriffen. Letztlich ist das dann aber keine große Kunst.

Meine Einschätzung zu den Facebook Daten

Was glauben Sie ist ein Like, Love, Haha, Wos usw. wert? In einem ganz konkreten Zusammenhang in einer eindeutigen Situation kann es einiges aussagen über einen Nutzer. Aber hunderte von Interaktionen in meist unklaren Situationen und kaum klaren Fragestellungen lassen vielleicht gerade noch einige Tendenzen erkennen. Aber dass 300 Facebook Interaktionen eine Menschen so charakterisieren, dass sein Verhalten voraussagbar wird, das halte ich persönlich für ein Gerücht. Michal Kosinski, der seinen Tests auf Facebook gemacht hat, behauptet das zwar. Eigentlich hat er einen wissenschaftlichen Test mit rund 250.000 Menschen durchgeführt und nicht nur Facebook Interaktionen ausgewertet. Cambridge Analytica hat diese Testergebnisse genommen und sie mit angeblich weiteren 50 Millionen Nutzerdaten erweitert. Und am Schluss wollen sie mehr wissen als der jeweilige Lebenspartner eines Nutzers? Da kann sich jeder jetzt selbst seine Meinung bilden.

Netzwerke sind keine Medien

„The media is the message“, das ist eine Grundgedanke von Marshall McLuhan, einem der führenden Kommunikationstheoretiker des 20. Jahrhunderts. Das ist der Denkansatz, die hier viel besser greift. Soziale Netzwerke sind über ihre Nutzer Transportvehikel für Ideen und es sind die Idee die letztlich greifen und nicht die Transportmittel, denn Netzwerke sind keine Massenmedien.

Wenn zum Beispiel eine Idee verbreitet wird, steckt meistens eine Website, ein Massenmedium oder ein Influencer dahinter. Das kann jetzt Breitbart, Fox News oder einer der Late Night Showmaster sein. Es sind deren Aussagen und Ideen bei denen sich die Menschen aufgehoben fühlen und nicht Facebook, das Meinung macht. Facebook kann diese Ideen verbreiten und eventuell Menschen finden, die dafür zugänglich sind. Aber es sind die Nutzer, die liken und teilen und die über eine hohe Vernetzungsdichte Meinungen multiplizieren.

Der Zauberlehrling

Und das ist die Rolle, in der sich Marc Zuckerberg mit Facebook befindet. Er hat den Besen dazu gebracht, das Wasser zu bringen. Den Schaden richtet aber letztlich das Wasser an, nicht der Besen. Er ist und bleibt ein Zauberlehrling. Und ja, erst wenn wir alle nicht mehr mitspielen, dann ist der Zauber vorbei. Wir sind alle die Meister, die das mit unserer Nichtteilnahme beenden können – wenn wir wollen.

Datum: 28.04.2018
Autor:
Thomas Nasswetter

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